Kräuterwanderung

Wenn wir in diesen Tagen spazieren gehen, treffen wir so viele Menschen wie nie zuvor. Die Sehnsucht nach frischer Luft, Natur und Sonne scheint sich durch eine vom Virus verordnete Zwangspause Bahn zu brechen. Ich denke immer wieder an die Menschen, die allein zuhause sind und allein spazieren gehen. Daraus entstand die Idee, eine Kräuterwanderung im Netz anzubieten. Die kann in der Phantasie oder in der Realität miterlebt werden. Ich habe Pflanzen fotografiert, die aktuell hier und in ganz Deutschland wachsen: Vielleicht ist das Scharbockskraut in Süddeutschland schon lange verblüht und die Brennnesseln sind einen Meter hoch? Über Meldungen aus anderen Orten freue ich mich!
Hier bin ich am 22.3.2020 lang gegangen (Hamburg Alsterdorf):

Gleich an der Mauer vor der Tankstelle fand ich diese Knoblauchrauke. Wer sie in freier Natur oder im Garten findet, kann sie getrost essen. Am Besten roh. Sie hat einen leichten Knoblauchgeschmack, wie ihr Name schon verrät. Hier an der Straße sollte man sie nicht ernten, zumal auch der eine oder andere Hund…

Wenn man von der Sengelmannstraße aus zwischen Gärten und Alsterlauf spazieren geht, kann man das Scharbockskraut gar nicht übersehen. Das würde ich nicht essen. Es ist nur einfach schön 🙂

An schattigen Plätzen sind die Brennnesseln noch sehr klein und zart.
Durch einen raffinierten Mechanismus schützen sie sich vor Fraßfeinden: Mit ihren Brennhaaren an der Blattoberseite verletzen sie zunächst den Angreifer, um dann die Brennflüssigkeit in die Wunde zu spritzen.
In der Heilkunde wird die ganze Pflanze verwendet, inklusive Wurzel und Samen.
Allgemein ist Brennnesseltee zur Entschlackung im Frühjahr sehr verbreitet.

In diesem Jahr gedeiht der Erdrauch in Alsterdorf besonders gut. Fumaria officinalis, was für ein Name für so eine zarte Pflanze! Sie gehört zu den Mohngewächsen und siedelt sich nur von selbst an Wegrändern und auf Brachland an. Meine Versuche, sie im Garten oder auf dem Balkon zu halten, schlugen fehl. Dasselbe hörte ich auch von Kolleginnen. Erdrauch wirkt zwar unscheinbar, war jedoch schon bei Kelten und Germanen ein beliebtes Räucherkraut. Heute wird der Erdrauch in der Naturheilkunde vielfältig verwendet, ist jedoch auch in Gallenmedikamenten aus der Apotheke enthalten. Man kann sich einen Tee daraus bereiten, wenn man ihn fernab von Straßen, Hundepinkelplätzen etc. sammelt.

Die Brombeere wuchert freudig an beiden Seiten des Alsterlaufes – und nicht nur dort. Bevor es in Deutschland den Schwarzen Tee gab, dienten Brombeerblätter, oft gemischt mit Himbeerblättern als Haustee. Darjeeling und Co. haben den heimischen Blättern den Rang abgelaufen. Heute sind Brombeerblätter noch in Kräuterteemischungen enthalten. Die jungen, voll entwickelten Blätter können für einen Tee gesammelt und zuhause bei bis zu 40 Grad getrocknet werden. Hildegard von Bingen empfiehlt in Wein gekochte Brombeerblätter mit Honig gegen Husten. Dieses Getränk soll den Schleim lösen.

Wenn fünf Gänseblümchen unter einen Fuß passen, dann ist Frühling. Und nun ist es wieder soweit, pünktlich zum Frühjahrsanfang, faszinierend! Gern werden Gänseblümchen als schmückendes Salat-Topping verwendet. Im Rahmen der Volksmedizin und Naturheilkunde kocht man Tee oder bereitet Tinkturen z.B. bei Husten, Gicht und Magen-Darm-Leiden. Außerdem geben die Blüten der Gänseblümchen Hinweise auf das Wetter: Bleiben sie geschlossen, wird es an diesem Tag wenig Sonne und wahrscheinlich Regen geben…

Der Efeu ist zu jeder Jahreszeit zuverlässig am Alsterufer zu finden, ebenso wie in Gärten, auf Friedhöfen etc. Hier, an der Brücke zur Ohlsdorfer Schwimmhalle, wurde der Efeu in das Bild eines Sprayers einbezogen. Dabei ist die Pflanze auch ohne diese Färbung interessant: Der junge Efeu hat z.B. eine andere Blattform als der Efeu ab einem Alter von 10 Jahren, die Blätter sind dann schmaler und nicht mehr gezackt. Auf dem Foto sehen wir den jungen Efeu. Selbst verarbeiten sollte man die Efeublätter nur für äußere Anwendungen, z.B. ein Cellulitisöl. In der Apotheke kann man Hustensaft mit Efeu kaufen…

Und auch den Giersch können wir auf unserer Kräuterwanderung finden und bitte stehen lassen: Jeder Gartenfreund wird Ihnen um den Hals fallen, wenn Sie den Giersch großzügig ernten. Giersch kann zubereitet werden wie Spinat und schmeckt unglaublich lecker in Aufläufen. Ich habe auch ein Rezept für Gierschbrause gelesen und werde es in diesem Jahr einmal ausprobieren. Gesund ist Giersch außerdem: Man nannte ihn früher das Zipperleinkraut und verwendete ihn gegen Gicht.

Im Schatten hat der Löwenzahn momentan erst zarte Knospen entwickelt, in der Sonne kann er so üppig daherkommen wie auf diesem Foto. Seine Blüten strahlen und leuchten, dass es nur so eine Freude ist! Löwenzahn wächst scheinbar überall, noch in der schmalsten Mauerritze… Und er hat eine unglaublich clevere Methode, sich durchzusetzen: Die Bienen bekommen Nektar in Hülle und Fülle, obwohl der Löwenzahn gar keine Bestäubungshelfer benötigt. Sie werden angelockt, damit sie nicht zu Konkurrenz fliegen und deren Verbreitung fördern.

Wer kennt diese unscheinbaren Pflänzchen, die sich hier zunächst ganz zart dem Sonnenlicht entgegen strecken? Diese Pflanzen werden schnell sehr groß und wachsen dicht und lassen keiner anderen Pflanze Platz. Es werden Knöteriche. Sie gehören zu den sogenannten Neophyten. Das sind Pflanzen, die aus anderen Ländern mitgebracht wurden, sich hier sehr wohlfühlen und heimische Pflanzen verdrängen. Ein mir bekannter Künstler nahm dies zum Anlass, Möbel aus den Röhren zu bauen: Klick und darauf ein Patent anzumelden…

Gern fotografiere ich auch Graffitis…
Dieses ist an der Brücke in Richtung Hindenburgstraße zu finden.

Auf der Wiese begegnen wir dem Gelbstern. Biologen zählten bis zu 208 Arten, verteilt fast in der ganzen Welt, davon ungefähr 23 Arten in Europa. Im Bestimmungsbuch sind der Wald- und der Wiesengelbstern zu finden. Wenn ich als Kind Blumensträuße pflückte, war der Gelbstern gern mit dabei.

Ein Blick von der Hindenburgbrücke…

Auf der Wiese hinter der Hindenburgbrücke wächst der Spitzwegerich recht kraftvoll. Sicher kennt ihn jeder als Bestandteil von Hustensaft? Auch als sogenanntes Wiesenpflaster ist er hilfreich: Man zerreibt ihn und legt ihn auf Wunden und blaue Flecken. Früher brachte der Spitzwegerich als Orakelpflanze die Sünden der Mitmenschen ans Licht. Mir gefällt allerdings die damals ebenfalls verbreitete Vorstellung besser, fünf Tage lang Wegerichtee gegen Liebeskummer zu trinken. Vielleicht nützt es?

Auf derselben Wiese finden wir auch den Breitwegerich. Bei langen Wanderungen ist es hilfreich, die Blätter in die Schuhe, unter die schmerzenden Fußsohlen zu legen. Das wirkte kühlend und lindernd, ich habe es ausprobiert.
Und damit sind wir am Ende unserer virtuellen Wanderung. Vielleicht sehen wir uns mal persönlich zu einer Kräuterwanderung?

Zugabe: ein Glücksbringer

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